Deswegen entstehen blaue Flecken bei Lipödem

Blaue Flecken bei Lipödem – wie entstehen die? Fangen wir doch diesmal an, das Pferd von hinten aufzurollen. Bevor ich Euch die Frage nach dem “Wieso entstehen ständig blaue Flecken an den Beinen, ohne das ich mich stoße?” erläutere, erzähle ich Euch einmal, wie das Ganze mit dem Lipödem bei mir einst begann und was für erschreckende Theorien ich mir als knapp 22-Jährige damals anhören musste. Heute, über 10 Jahre später, kann ich darüber nur noch schmunzeln.

“… Sie haben bestimmt auch ständig Nasenbluten …”

Die Zeichen falsch gedeutet

Wenn ich mal so recht überlege, dann bin ich bis zu meiner definitiven Diagnosestellung, locker über 5 Jahre nichtsahnend herumgelaufen und habe immer bloß gedacht “Ach, ich habe bestimmt eine Venenschwäche, genau wie alle in meiner Familie.” – und meine Oma sowie meine Mutter sind einfach nur stark übergewichtig, deswegen sind die Beine auch so unförmig, alles liegt am Essen und außerdem haben sie massiv Krampfadern …. und Schweine sind blau und Hühner legen Ostereier.

Wäre man früher mal so schlau gewesen wie heute, wäre dann überhaupt alles bei mir so abgelaufen?

Angefangen hatte alles, wie gesagt, schon recht früh. Das komische Gefühl, immer etwas “stemmiger” zu werden als Andere. In den Beinen ab und an ein Schweregefühl nach längerem Stehen. Anfänglich nicht täglich. Dann aber kamen irgendwann diese ominösen blauen Flecken hinzu. Mal Wade, mal Oberschenkel, mal bis zur Hüfte rauf. Besonders gestört hat es mich am Anfang nicht. Blöd fand ich es nur, im Sommer übersät mit blauen Flecken zu sein. Immer diese blöden Fragen von den Leuten: “Was machst du bloß ständig? Bist du so tollpatschig zu Hause?”

Und jedem, dem ich dann antwortete, dass ich keine Ahnung habe, woher die Blutergüsse kämen und zudem ewig bräuchten, um wieder abzuheilen, der glaubte mir nicht.

Blutgerinnungs Störung? Bitte was?

Irgendwann, als es mir zu doof wurde und meine Beine gefühlt wie Blei wurden, führte mich mein Weg auch natürlich zunächst zu meinem damaligen Hausarzt. Ich hatte gerade mit dem Studium begonnen und war medizinisch noch total jungfräulich. Mir konnte man somit auch leider noch alles auf die Nase binden.

So kam es, dass es beim ersten Besuch zu der Aussage “ Sie erzählen Sachen… Sie merken bestimmt nur nicht, wenn Sie sich nachts am Bett stoßen… “ kam. 

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Beim nächsten Besuch machte mir der Arzt dann schließlich mit den Worten “Sie haben bestimmt oft auch Nasenbluten? Ich tippe auf eine Störung in der Blutgerinnung” Angst und ich musste zu diversen Bluttestungen kommen und eine intravenöse Vitaminkur über 6 Wochen über mich ergehen lassen, die damals noch meine Eltern mit dem monatlichen “Taschengeld-Studienzuschuss” freundlich bezahlen durften. Und am Ende, wer hätte es gedacht, war man auch noch ärztlich ganz überrascht, dass dies keine Genesung erbracht hatte.

Also erging es mir schließlich wie den allermeisten Anderen – ich nahm es so hin und lebte damit, auch wenn es mir schleichend immer schlechter ging. Ich dachte ja weiterhin daran, es sei einfach eine schwere, vererbte Venenschwäche.

a person with foot up in the air

Die Explosion in meinen Beinen

Die alles entscheidende Wende kam mit vollem Zufall, als ich nämlich ein paar Jahre später aufgrund meines sog. Praktischen Jahres (früher auch freundlich “AIP”, Arzt im Praktikum genannt), fernab von daheim in einer Nordsee-Klinik für den Fachbereich Chirurgie verbrachte. Genauer gesagt, durch Zufall ausgerechnet im Fachbereich Gefäßchirurgie! Und das war mein Glück! Sonst hätte ich garantiert noch viiiieeeel später meine Diagnose erhalten. 

Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen: ich stand Tag für Tag im OP, assistierte bei diversen Eingriffen der Gefäßmediziner wie z. B. Venenstripping, Gefäßprotheseneinbau, Herzschrittmacherimplantation. Super! Wollte ich auch später alles machen, so war der Plan. Denn, Ich war richtig gut darin und stolz darauf, als rohes Ei so viel Talent zu haben, dass ich sogar nach 2 Monaten bereits eine eigene Schrittmacher-OP abbekam. Was hätte ich für eine chirurgische Laufbahn gegeben!

Aber, meine fiese “Magdalena” (wie ich mein ungeliebtes Lipödem ja nenne, wie Ihr wisst) machte mir ruckzuck einen Strich durch die Rechnung. Das lange Stehen im OP-Saal und dazu ab und an das Tragen einer Bleischürze zwecks Röntgen während OP, ließ meine Beine von heute auf morgen explodieren. Innerhalb einer Woche hatte ich unglaubliche Schmerzen in den Beinen und der Umfang wuchs am Unterkörper von Konfektionsgröße 34 auf 38/40 an. Alles drückte, ich hielt es kaum aus.

Mein damaliger Chefarzt der Abteilung nahm mich beiseite und nach ein paar Untersuchungen war die Katze im Sack, meine Beine zwangsgewickelt und in meinen Händen hielt ich die erste Flachstrickversorgung. Ich habe geweint wie ein Schlosshund und dachte, mein Leben ist vorbei, das ist doch ein schlechter Scherz!

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Unangenehme Gewissheit

Das Kind hatte nun also einen Namen und von da an versuchte ich Tag ein Tag aus meiner ungeliebten Magdalena den Kampf an zu sagen. Ein ewiger Kampf, ein Leben lang. Das Gefühl, dass man sich als junge Frau fragt “wieso ausgerechnet ich bitte?” und was diese Erkrankung, die sich im gesamten Körper breit macht, mit einem noch so anstellt, dass lasse ich hier einmal offen. 

Die initiale Frage war ja, wieso fängt meist alles mit blauen Flecken bei Lipödem an und woher kommen diese überhaupt?

Bei einem Lipödem kommt es ja im Laufe seiner Entstehung zu einer symmetrischen (seitengleichen) Vermehrung des Unterhautfettgewebes. Es wächst und wächst also so vor sich hin …. Nehmen wir mal an, dazu kommen hier und da die ein oder anderen Kilos zu viel, also, ich rede von zusätzlich normalem Fettgewebe. Und seien es nur ein paar Kilogramm. Es entsteht dann immer mehr Spannungs- und Druckgefühl durch Umfangszunahme des gesamten Gewebes der betroffenen Extremität, z. B. des Beins. 

Warum neigt man vermehrt zu blauen Flecken bei Lipödem?

Der Druck entsteht dadurch, dass die großvolumigen, genetisch veränderten Fettzellen das gesunde umliegende Gewebe einengen. Deswegen folgt es bei den meisten Betroffenen auch der klassische Berührungsschmerz oder Missempfindungen bei Berührung. 

Ebenso kommt es beim Lipödem zu dem Effekt, dass die feinsten Blutgefäßchen (sog. Kapillaren) in diesem betroffenen Gewebe nach und nach immer durchlässiger werden. Gewebsflüssigkeit sowie rote Blutkörperchen treten aus diesen Kapillaren in das umliegende Gewebe aus. Durch den erhöhten Druck können diese Stoffe nur schlecht vom Körper wieder zügig abgebaut werden und versacken an Ort und Stelle – die blaue Flecken bei Lipödem, also Hämatome, entstehen und sind schmerzhaft. Auch bei kleinster Berührung oder minimalem Stoß auf das Gewebe platzen die Kapillaren kaputt, sie sind extrem empfindlich geworden.

Neurogene Entzündungen bei Lipödem

Ebenso wenig thematisiert, aber durchaus bekannt, ist bei Lipödem das Phänomen der “neurogenen Entzündung”. Dies bedeutet, dass in dem betroffenen Gebiet durch den besagten Druck und den vorherrschenden chronischen Schmerz auch zusätzlich eine andauernde, chronische Nervenreizung vorliegt im Gewebe vorliegt.  

Dies unterhält wiederum eigens die Durchlässigkeit der Blut-Kapillaren da, wo immer auch eine chronische Reizung entsteht, ebenso eine Entzündung verursacht wird und genau diese Entzündung führt somit ebenfalls über chemische Botenstoffe zu einer Störung der Gefäßschranke. Ein Teufelskreis von Schmerz und Schwellung.

Je länger das Krankheitsbild besteht, desto mehr kommt es zu einer Verhärtung des Gewebes und zu einem zusätzlichen Lymphödem, was dann meist als “Lipo-Lymphödem” bezeichnet wird.

Einzigster Wermutstropfen auf dem heißen Stein – die Lebenserwartung wird durch ein Lipödem nicht verkürzt, auch wenn die Erkrankung chronisch-progredient ist.

Und, man kann zumindest an den Beschwerden etwas ändern, wenn man dazu bereit ist und klotzt statt kleckert und u. a. den Anteil seines gesunden, normalen Unterhautfettgewebes vermindert und somit den zusätzlichen Druck auf dem Gewebe durch Gewichtsreduktion verringert.

Es bleibt also auch bei diesem Thema mal wieder ein wenig bei der Aussage “Du bist, was du isst”. Oder?

Eure Doc


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Author: Dr. Nicole Gerlach

Hi an alle Lip-Mädels da draußen! Mein Name ist Nicole Gerlach, ich bin 1983 geboren und Ärztin aus Leidenschaft. Nach einem langen vor-beruflichen Weg über die Biochemie, beschäftige ich mich nicht nur seit knapp zehn Jahren mit Sport- und Ernährungsmedizin und habe u. a. zuvor in Göttingen an Publikationen diverser Studien zu Morbus Alzheimer mitgewirkt. Aktuell bin ich nach fünf Jahren Tätigkeit im Fachbereich der Inneren Medizin nun in der ambulanten, allgemeinmedizinischen Versorgung tätig. Zudem habe ich Erfahrung in der Notfallmedizin sowie Phlebologie/Angiologie sammeln dürfen, was mir neben allem anderen Genannten mit am meisten am Herzen liegt und welches sich als Schwerpunkt nun in meinem seit dem 21.08.2020 eröffneten Instagram-Account @fragdochmaldiefrau_doctor bei Fragen & Hilfe rund um das Thema Lip- und Lymphödem widerspiegelt. Ein Thema, welches mir vor allem deswegen so sehr am Herzen liegt, da ich selbst betroffene Lipödemkämpferin bin und all mein gesammeltes Wissen und meine Erfahrungen mit jeder Mitbetroffenen und medizinisch Interessierten teilen möchte! Packen wir’s an!

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  • Dankeschön, das ist für mich und meine Selbsthilfegruppe eine tolle Info, mit wissenschaftlich fundiertem Wissen. In einfachen Worten habe ich das auch so gesehen. MfG
    SHG LyLiOed-Augsburg
    Brigitte