Das Lipödem in der Beziehung: Meine Frau, Caroline

Mein Mann Johannes über das Lipödem in unserer Beziehung:

 

Es ist schon seltsam, wie die Dinge sich manchmal entwickeln. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir eines Abends im Bett lagen und meiner Frau Caroline etwas auf dem Herzen lag:

„Ich würde gerne einen Blog über meine Krankheit machen, der auf Mode abzielt.“ So ganz konnte ich diesen Wunsch nicht nachvollziehen.

Ich ging damals davon aus, dass es bei einer so weit verbreiteten Krankheit schon zig Portale und Foren mit genügend Zulauf gibt. Außerdem machte ich mir berechtigte Sorgen, dass der Terminplan meiner Frau dann noch mehr in unsere gemeinsame Freizeit grätscht, als es ohnehin schon der Fall war. Vermutlich habe ich ihr dann irgendwas Schlaues, wie „Kannst du ja mal probieren.“ oder „Ich weiß nicht recht, guck halt mal.“ entgegnet. Männer eben. Wenn die Frau eine neue Idee hat, möglichst neutral kommentieren und vielleicht ist am nächsten Tag der Spuk vorbei.

Den missionarischen Grundgedanken dieses Blogs hatte ich damals gewaltig unterschätzt und heute bin ich unglaublich stolz auf Caroline, dass sie es trotz Hochzeitsvorbereitungen, drei Operationen, Haussuche, Umzug und etlichen Stunden Renovierungsarbeit durchgezogen hat, nebenbei diese Seite mit den anderen Mädels zu dem zu machen, was sie heute ist.

Vernebelte Wahrnehmung

Aber die Geschichte dieses Blogs fängt hier nicht an. Im Sommer 2010 erzählte mir meine damalige Freundin, jetzt Frau, dass ihre Beine abends immer dicker sind als morgens. Auch die gestiegene Druckempfindlichkeit hatte ich noch nie im Leben gesehen. Dann die Diagnose: Lipödem. Von der ersten Kompressionsversorgung an hatte ich zwar alles live miterlebt, allerdings konnte ich das Lipödem als Nichtbetroffener noch nicht so recht im Alltag einordnen. Ich hatte schließlich keine Schmerzen und sah nur die Bestrumpfung. Richtig bewusst wahrgenommen hatte ich die Krankheit und die Konsequenzen dann, nachdem ich sie eines Abends zum ersten Mal aktiv gegoogelt hatte. Das war allerdings erst ein paar Monate nach der Diagnose der Fall, so vernebelt war meine Wahrnehmung.

Ich verwendete vermutlich alle Suchbegriffe, die meine Frau schon längst durchlaufen hatte. Was ist das für eine Krankheit? Wo kommt sie her? Was kann ich dagegen tun? Selbst im Internet keine Lösung zu finden, war auch für mich frustrierend. Etliche Online-Artikel später gab ich die Suche nach dem heiligen Gral auf.

Ich konnte die Schmerzen nicht lindern, keinen Rat geben und alle Weichen standen auf: keine Besserung auf Lebenszeit.

Obwohl wir noch keine Kinder haben, kann ich mir vorstellen, dass werdende Väter einer ähnlichen physischen Belastung ausgesetzt sind. Nur mit dem Unterschied, dass die Schwangerschaft nicht bis ans Ende aller Tage anhält.

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Das Lipödem in der Ehe

Dass wir heiraten wollen, stand für uns schon sehr früh fest. Die Krankheit war für mich dabei nie das Thema. Das hatte eher Caroline belastet, da sie mir einen gesunden Körper anbieten wollte – so ein Quatsch. Ich wollte ja Caroline all inclusive zur Frau nehmen. So, wie sie mit ihrer Krankheit gelernt hat umzugehen, akzeptierte ich das Lipödem letztendlich als einen Teil von ihr und unserer Ehe. Daher war es für mich auch keine Frage, die Hochzeitsreise durch Hochzeits-OPs zu ersetzen. Nicht zuletzt durch die immer stärker werdenden Schmerzen. Eine Braut mit schmerzverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen mit auf eine belastende Reise zu nehmen, kann doch unmöglich die Erfüllung des Traumes eines jeden Bräutigams sein. Daher stehe ich zu dieser gemeinsamen Entscheidung und würde sie jederzeit wieder treffen.

Aus der Männersicht

Selbst, wenn die Kompressionsbestrumpfung mal nicht zum Outfit passt, lindert sie den Schmerz. Und ich spreche mal für den Großteil der männlichen Weltbevölkerung: Wir können da gut drüber hinwegsehen. Der größte Haken aus Männersicht ist wahrscheinlich, dass die Kompression eher selten zur Spontanität einlädt. Jedoch nimmt durch den zusätzlichen Stoff am Körper in meinen Augen weder meine Frau, noch jede andere Betroffene an Attraktivität ab. Der Körper wird sich eh im Laufe des Lebens immer wieder verändern. Das, was eine Frau ausstrahlt ist wirklich das was zählt.

Ich habe mich entschieden

Natürlich wäre unser Leben einfacher ohne so eine dämliche Krankheit, die nun wirklich keiner braucht. Aber man hat in so einer Situation nur zwei Optionen: Aufgeben oder Kämpfen. Ich entscheide mich dafür weiterhin an der Seite meiner Frau zu kämpfen und sie zu unterstützen wo es nur geht, auch wenn ich ihr den Schmerz nicht abnehmen kann. Lipödem ist frustrierend und nervenaufreibend, aber zum Glück nicht endgültig. Kein Aids, kein Krebs, keine Querschnittslähmung.

Wir schaffen das.

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Author: Caroline Sprott

Ich bin Caroline, 1989 geboren und wohne im Mittelhessischen Wetzlar.

Warum habe ich den Lipödem Mode-Blog ins Leben gerufen?
Am Anfang meiner Diagnose stand ich völlig hilflos vor einer ungewissen Zukunft. Jetzt, einige Jahre später, habe ich durch die aktive Anteilnahme in Selbsthilfegruppen und viel Recherche einen Erfahrungsschatz ansammelt, den ich gerne an einem Ort gebündelt anderen Betroffenen zugänglich machen möchte – ohne den Umweg über private Gruppen bei Facebook. Die modische Komponente ist natürlich meinem Hobby geschuldet. Ich versprach mir damals selbst, mich niemals von der Kompressionsbestrumpfung einschränken zu lassen. Diese Einstellung macht anderen Patientinnen Mut und so riet mir Michaela dazu, einen Blog ins Leben zu rufen.

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    • Wow, das ist wirklich eine super Einstellung und ein wunderbar aufbauender Text ! Ich wünsche jeder Betroffenen so einen Partner an Ihrer Seite. Ich bin wirklich froh, dass ich auch so einen „Fels in der Brandung“ meinen Ehemann nennen darf. Das hilft ungemein. 🙂

  • Hallo Caroline&Johannes,
    Deinen Blog find ich klasse….zu deinem Mann…danke für deine Sicht,wenn doch nur alle Männer so denken würden…Klasse wie du deine Frau unterstützt!!!!!
    Glg
    Natascha (selbst betroffen)

  • Hallo ihr 2,

    der Blog ist wirklich gelungen mach bitte unbedingt weiter so! Danke dafür
    und was deinen Mann angeht, halte ihn fest 🙂 Ich hab auch so ein Sonderfall, der auch nachdem er mir manchen Abend die Beine mit „Oma“Gel (Pferdesalbe) einreibt trotzdem noch das Gefühl vermittelt nicht weniger Frau z sein und geliebt zu werden. Ich weiss von vielen anderen, dass so Männer selten sind… Also lass sie uns fest halten.

  • Meine Liebe,
    so eine ähnliche Idee hatte ich letztens auch (im Moment kommst du mir immer zuvor, hihi). Das ich André frage, wie er sich als Partner einer Lipödembetroffenen fühlt. Leider hat mein Mann keine Ambition dazu zu tippern. Ich hänge ihm wirklich seid Wochen in den Ohren, sein Spruch ist aber immer wieder „Lipödem oder nicht! Ich liebe dich so wie du bist. Ich bin der Partner einer starken Frau. Punkt!“ Schön zu hören. ♥
    Aber ich finde es super, dass dein Mann dies geschrieben hat. Und es ist sehr herzlich und schön geschrieben. ♥ Immer wieder toll, dass es solche Männer wie unsere gibt. 🙂 Halt ihn fest und grüß ihn bitte einmal unbekannter Weise von mir!

    Lieben Gruß
    Sylvia

  • Hallo,
    kann mich da nur anschließen, hat er sehr schön geschrieben. An andere Frauen, deren Männer das nicht so akzeptieren, mal ganz provokant gefragt, warum seid ihr noch mit ihnen zusammen???
    Vg
    Bommel

  • Hi liebe Carolin und lieber Johannes, mein Partner sieht es ähnlich allerdings kann er sich damit nicht abfinden mir den Schmerz nicht nehmen zu können ist das nicht süß? Danke für deine Gedanken zu diesem Thema und allgemein danke für diesen Blog. Ihr macht das Top!Liebe Grüße aus Bremen
    Maddy

  • Liebe Carolin,
    Ich finde es super, wie Dein Mann dich unterstützt. Mein Mann baut mich auch immer wieder auf und das ist so wichtig bist du operiert bzw. Hast du darüber schon nachgedacht. Würde mich freuen von Dir zu hören. Ich wünsche euch beiden alles Gute.