Selbstbewusst trotz Lipödem – Warum ich an „No Body is perfect“ teilnahm

Wie alles begann

Es war ein Tag im August 2019. Ich bekam Whats app Nachrichten unserer Selbsthilfegruppe Lilybelles Nordhessen. Unter anderem war dabei ein Aufruf zu einer Teilnahme an einer Fernsehsendung. Gesucht wurden Frauen mit Lipödem, die Selbstbewusst trotz Lipödem werden möchten. Ich laß es und hatte es kurz danach vergessen. Am selben Abend schaute ich Stories auf Instagram und in der Story von Corinna (@soulfeelingsfotografie) entdeckte ich den selben Aufruf.  Ich dachte warum nicht? Ständig stehst du vor dem Spiegel und bist unzufrieden mit dir, schämst dich mit nackten Beinen und machst dir Gedanken, was jemand von dir denken könnte. Also machte ich einen Screenshot und schickte ihn meinem Mann. Prompt kam: „Mach doch.“ Also gesagt, getan – ich schrieb eine Bewerbung! Als ich kurz darauf die Antwort bekam, dass man sich bald telefonisch meldet, dachte ich noch, dass das sowieso nichts wird.

Als dann aber am nächsten Morgen das Telefon klingelte, wusste ich, dass es doch ernst werden könnte. Ich erfuhr, dass es um ein Format auf Sat.1 geht, dass um 20:15 Uhr laufen soll. Die Sendung sollte „Mein neues Ich“ heißen. Man wolle Menschen begleiten, die sich aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls o. ä. unwohl in ihrem Körper fühlen und kein oder nur wenig Selbstbewusstsein haben. Gedreht werden sollte auf Mykonos Anfang Oktober. Wie es der Zufall wollte, hatte ich genau in dem Zeitraum frei. Es folgten viele Telefonate und Emails, ein Casting in meinem Wohnzimmer und irgendwann die Zusage.

Es folgte ein Drehtag mit meiner Familie und mir im privaten Umfeld bevor es dann Anfang Oktober nach Mykonos ging. Je näher der Tag rückte, desto größer wurde meine Aufregung. Zuvor war ich erst ein paar Mal geflogen. Jetzt komplett alleine ins völlig Ungewisse zu reisen, war meine erste Mutprobe. Hinzu kam das komische Gefühl ohne meine Tochter und meinen Mann zu sein.

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Eine Reise ins Ungewisse

Ich hatte zugesagt und so machte ich mich nach einem Nachtdienst früh morgens auf die Reise und bestieg mittags den Flieger von Frankfurt nach Athen und von dort nach Mykonos. Ich wusste weder was genau, noch wer mich erwarten wird.

Die Reise war recht entspannt, wobei man es als Lipödem Mädchen in einem engen Flieger ja leider nicht so einfach hat. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich landete spät abends auf Mykonos und wurde am Flughafen vom Produktionsteam empfangen und in ein Hotel gebracht. Am nächsten Mittag sollte es los gehen. Die Nacht war unruhig. Ich telefonierte bis zum nächsten Mittag noch ein paar Mal mit meinem Mann und war mega aufgeregt.

Mittags kam das Produktionsteam und holte mich ab. Dann sammelten wir die anderen beiden ein: Nadine und Francis. Ich erfuhr, warum die beiden dort waren. Nadine hatte sich aufgrund des Brustkrebsgens BRCA1 beide Brüste amputieren lassen. Die OP bzw. die Heilung war nicht nach Plan verlaufen und daher war sie sehr unglücklich mit dem Ergebnis. Hinzu kam, dass sie nach der Geburt von drei Kindern massive Probleme mit ihrem Bauch und der überschüssigen Haut dort hatte. Francis ist ein sehr schlanker Mann und fühlt sich einfach nicht männlich genug dadurch. Wir drei waren uns auf Anhieb sympathisch und ich war mir sicher, dass wir eine gute Zeit haben werden. Es wurden noch ein paar Aufnahmen gemacht und dann ging es zur Villa. Unsere Aufregung stieg, denn keiner von uns wusste was uns dort erwartet.

Wir betraten die Villa und setzten uns an den Pool. Und dann folgte der Moment, den ich nie vergesse. Wir saßen dort und redeten nett und plötzlich sah ich wie Francis sämtliche Gesichtszüge entglitten. Ich drehte mich um und dann sah ich auch unsere (fast) nackten Coaches. Wir alle drei waren baff. Damit hatte wohl niemand gerechnet. Als dann auch noch der Titel der Sendung folgte, saß bei mir der Schock tief.

Ich war nicht bei „Mein neues Ich“, sondern bei „No body is perfect – das Nacktexperiment“.

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Copyright: SAT.1; Fotograf: SAT.1; Bildredakteur: Clarissa Schreiner

Das Nacktexperiment

Oh mein Gott, in was war ich da nur rein geraten. Der Schock war da. Ich hatte direkt wieder die Angst, was andere von mir denken könnten. Was ist, wenn das im Fernsehen läuft? Was sagen die Leute? Am liebsten hätte ich meinen Koffer genommen und wäre gegangen. Aber es nutzte nichts, ich war nun dort und bereit mich dem Ganzen zu stellen. Mir wurde bewusst, dass sich die vier Tage dort einfach mal alles um mich drehen wird. Kein Kind, kein Mann, kein Haushalt, kein Job, sondern nur ich und mein angekratztes Selbstbewusstsein. Hinzu kam, dass uns gesagt wurde, wir werden nichts tun, was wir nicht wollen. Das beruhigte mich dann doch und ich war bereit für das Nacktexperiment.

Hintergrund des Ganzen ist, dass ein britischer Psychologe herausgefunden hat, dass Menschen sich wohler fühlen, wenn sie Zeit mit anderen nackten Menschen und Zeit mit ihrem eigenen nackten Körper verbringen. Ziel unseres Aufenthalts sollte es sein an Tag vier nackt ins Meer zu springen.

Wir bekamen direkt am ersten Abend unsere erste Aufgabe. Wir sollten uns vor dem Schlafen gehen, 20 Minuten nackt vor den Spiegel stellen und ansehen. Dabei sollten wir uns drei negative und drei positive Dinge an unserem Körper sagen. Diese Aufgabe gab es an jedem Abend. Und ohne an dieser Stelle spoilern zu wollen: es ist wirklich heilsam. Man betrachtet sich von Abend zu Abend mit anderen Augen und wird versöhnlicher mit seinem Körper.

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Tag 2 hielt direkt die nächste Aufgabe bereit. Fotografin Silvana Denker rief zum Fotoshooting Bademode. Ich durfte den Anfang machen und sollte direkt als Bond Girl auftreten. Für mich eine völlig neue Erfahrung, selbstbewusst trotz Lipödem zu sein. Schließlich fühlte ich mich vor allem in Bademode und mit nackten Beinen unwohl. Dank der motivierenden Worte von Sandra Wurster und Daniel Schneider traute ich mir aber immer mehr zu und es machte sogar Spaß.

Am Nachmittag stand mir die nächste Aufgabe bevor und ich fuhr gemeinsam mit Sandra an den Strand. Wir gingen gemeinsam ein Stück und sprachen darüber warum ich teilnehme und warum mein Selbstbewusstsein so geknickt war.. Da ich schon immer kräftig war, wurde ich bereits in meiner Jugend gehänselt. Das führte dazu, dass ich einfach unsicher war und mich selbst nicht mochte. Im Gespräch mit Sandra sprachen wir ganz offen darüber.

Anschließend sollte ich im Tankini ins Wasser gehen. Genau dieser Moment war immer mein Kampf. Sobald ich mit nackten Beinen und leicht bekleidet war, fühlte ich mich unwohl, denn ich konnte nichts verstecken. Meine Kompression ist über die Jahre auch einfach ein Stück Sicherheit geworden. Je öfter ich ins Meer und zurück ging, desto sicherer wurde ich. Ich merkte wie viel dabei die eigene Haltung ausmacht. Denn geht man aufrecht mit erhobenem Kopf, hat man zu sich selbst ein völlig anderes Gefühl und fühlt sich sicherer.

Als Belohnung ging es dann zum Stand Up Paddeling. Mein erster Gedanke war, was könnte jemand denken, der mich dabei sieht. Als wir dann jedoch los legten und im Wasser versuchten auf die Bretter zu kommen, waren alle Gedanken verflogen. Ich war so auf mich konzentriert, dass das drum herum nebensächlich war.

Dieser Moment hat mich wirklich nachhaltig bewegt. Ich habe gelernt, dass das Leben zu kurz ist, um auf Dinge zu verzichten, nur weil andere etwas über einen denken könnten. 

Abends stand wieder die Spiegelaufgabe bevor. Am zweiten Abend war es schon wesentlich einfacher, sich so lange zu betrachten und man war versöhnlicher mit sich.

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Tag 3 startete entspannt und wir hatten Zeit für uns und genossen die Sonne. Am Nachmittag wurde uns dann die nächste Aufgabe präsentiert; das Bodypainting. Wir durften selbst Motive wählen. Als ich in mein Zimmer ging, dachte ich daran, mich maximal in Unterwäsche zu zeigen und dunkle Farben zu wählen. In meinem Zimmer wartete Liz Webster auf mich. Wir beide hatten schon am Tag zuvor ein kurzes Gespräch und direkt einen Draht zueinander. Ich war erleichtert und bereit mich auf das Projekt einzulassen. Liz fragte mich, was ich mag und was meine Lieblingsfarben sind. Ich fühlte mich gut aufgehoben und entschied mich spontan, das malen zu lassen, was ich mag und mich ausmacht. Und mich machen definitiv keine dunklen Farben aus. Ich wählte weiß, rosa und pink. Liz zauberte ein wundervolles Blumenmuster. Wir quatschten über Gott und die Welt, über meine Familie und meine Tochter. Wir hatten die Idee, die Liebe von Mama und Kind darzustellen und das einzige Motiv, das Liz dazu dabei hatte, war ein Hirsch mit einem Kitz. Passender hätte es nicht sein können. Danke Universum.

Mir war schlecht als es hieß, ich muss raus. Ich hatte ein komisches Gefühl nur mit Body Painting vor die Coaches und meine Mitstreiter zu treten. Aber als ich um die Ecke kam und alle klatschten und ich ihre Gesichter sah, war ich erleichtert. Ich fühlte mich komischerweise nicht nackt, sondern wohl. Ich stand dort, nur in einer Bikinihose und mit Body Painting. Nichts kaschierte meinen Bauch, nichts kaschierte meine Beine und ich fühlte mich schön. Dieser Moment war wirklich toll. Ich konnte mich so wohlfühlen wie ich bin. Auch an diesem Abend ging es wieder vor den Spiegel und es war der erste Abend an dem ich nichts an mir auszusetzen hatte.

Natürlich fand ich nicht alles wunderschön, aber ich hatte Frieden geschlossen.

Ich konnte mich so betrachten wie ich bin. Ich empfand sogar eine gewisse Dankbarkeit für meine Beine und den Weg, den ich durch sie gehen musste. Denn ohne meine Krankheit, ohne diese dicken Beine, wäre ich nie nach Mykonos geflogen. Ich hätte nie so zu mir gefunden.

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Copyright: SAT.1; Fotograf: SAT.1; Bildredakteur: Clarissa Schreiner

The Naked Beach

Es folgte der letzte Tag! Tag 4 – der Tag des „Naked Beach“. Denn Ziel des Nacktexperiments war es, am letzten Tag so im Reinen mit sich zu sein, dass man nackt ins Meer springt.

Doch zuvor erwartete uns eine andere Aufgabe. Wir durften einen Coach wählen und sollten uns mit diesem fünf Minuten nackt zwischen zwei Handtüchern gegenüber stehen. Ich wählte Sandra. Für mich ist Sandra eine sehr attraktive Frau und mir war in den letzten Tagen schon aufgefallen, dass wir einen sehr ähnlichen Körperbau haben. Diese Aufgabe war somit kein Problem und schnell erledigt.

Danach mussten wir unsere Entscheidungen treffen. War ich genügend selbstbewusst trotz Lipödem, um nackt an den Strand zu gehen? Ich traf meine Entscheidung und dann ging es im Bademantel ab zum „Naked Beach“.

Ich für mich habe mich entschieden, nicht nackt ins Meer zu springen. Hintergrund des Ganzen ist einfach, dass die fehlende Hose nichts an meinem Selbstbewusstsein geändert hätte. Ich wollte mich zudem auf keinen Fall so öffentlich nackt zeigen. Denn dieser Bereich gehört nur mir und meinem Mann und sonst niemandem. Ich präsentierte mich also in Unterhose und danach ging es ab ins Meer. 4 Tage Nacktexperiment lagen hinter mir. 4 Tage, die wirklich viel in mir verändert haben. 

Selbtbewusst trotz Lipödem?

Kann man selbstbewusst trotz Lipödem sein? Mittlerweile kann ich diese Frage ganz klar mit Ja beantworten. „No Body is perfect“ hat mich vor allem eins gelehrt: Es ist egal, was andere Menschen über einen denken. Wichtig ist, dass man selbst Dinge tut, die einen glücklich machen! Alle Entscheidungen in dieser Sendung habe ich für mich alleine getroffen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich weder mit meinem Mann, noch mit meinen Freundinnen oder der Familie besprechen können. Es war echt komisch. Denn normalerweise bin ich jemand, der zehn Mal fragt, was jemand anderes davon hält. Dieses Mal ging das nicht und genau das war für mich wichtig. Ich habe Entscheidungen getroffen und musste nachher dazu stehen.

Im Nachhinein war dies für mich die größte Challenge des Nacktexperiments. Mich mit meinen Entscheidungen der Öffentlichkeit zu stellen, war hart. Vor allem das meine Teilnahme im Extra Tipp als Artikel erschien, machte mich nervös. Ich war auf der Titelseite und diese landete in jedem Briefkasten meines Landkreises.

Aber Ende gut, alles gut. Ich möchte abschließend folgendes sagen:

Tut das was euch gut tut, zieht an, was ihr wollt. Kümmert euch nicht um die Meinung anderer, denn es wird immer jemanden geben, der euch doof findet.

Und vergesst niemals: „Ihr seid einmalig, einzigartig und unperfekt perfekt!“ .

Danke an Sandra Wurster für diesen Satz

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Author: Anna Hirsch

Mein Name ist Anna und ich bin 1981 in Nordhessen geboren. Ich bin verheiratet und Mama einer kleinen Tochter. Die Diagnose Lipödem habe ich seit 2010. Man hatte weder Blogs, noch Instagram oder Facebook, um sich zu informieren oder auszutauschen. Und genau deswegen möchte ich hier anderen Betroffenen zeigen, dass man auch trotz Lipödem selbstbewusst durchs Leben gehen kann. Seit 2011 trage ich täglich Kompressionsstrumpfhosen und lebe damit ein ganz normales Leben. Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie und Freunden, arbeite als Nachtschwester, gehe ins Fitness-Studio und bin gerne mit dem eBike unterwegs. Stand jetzt möchte ich mich nicht operieren lassen. Auf Instagram kann man meinen Weg unter anni_days verfolgen.

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  • Liebe Anna, du hast das großartig gemeistert. Du bist so eine hübsche junge Frau mit mega Ausstrahlung. Man sieht dir deine Lebensfreude an und du kannst anderen betroffenen Mut machen sich ihren Ängsten und Zweifeln zu stellen. Hut ab, ein sehr gut geschriebener Blog. Ich wünsche dir weiterhin alles Liebe und Gute und viel Erfolg.
    Viele liebe Grüße Claudia ‍♀️