Progredienz: Ist Lipödem eine fortschreitende Krankheit?

Ja und Nein. Aber woran machen wir die Progredienz (Fortschreitung) fest?

Die Krankheit Lipödem wird nach derzeit noch aktuellen Leitlinien anhand von Stadien klassifiziert, welche eine Zunahme des Unterhautfettgewebes mit einhergehender Gewebeveränderung als Progredienz definieren sollen. Wer sich jedoch etwas weiter in die Biologie hinter der Erkrankung hineinarbeitet, wird feststellen, dass die durchweg fragwürdiger Weise als „Lipödemzellen“ bezeichneten Fettzellen im fachwissenschaftlichen Kontext ferner als entartete Adipozyten bezeichnet werden.

Umgangssprachlich übersetzt können wir von Fettzellen, die einen Teil ihrer natürlichen Funktion eingebüßt haben, sprechen.

Adipo- was?

Kommen wir also erstmal zu der wichtigsten natürlichen Aufgabe der Adipozyten für den menschlichen Körper: In Phasen der energetischen Unterversorgung dienen sie als wichtigste Reserve, deren evolutionsbiologische Bedeutung in den Ursprüngen der menschlichen Spezies als Nomaden zu erklären ist. Der frühe Homo sapiens durchwanderte ein großes Revier auf der Suche nach Nahrung. Dies bedeutete, dass sich Tage mit einem Nahrungsüberangebot, weil man ein oder mehrere Tiere während der Wanderschaft erlegen konnte, mit Tagen oder gar Wochen einer Mangelversorgung abwechselten, in denen man sich hauptsächlich nur von Samen und Beeren ernährte.

Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, ist der menschliche Körper in der Lage, den Energieüberschuss aus dem Nahrungsüberangebot einzulagern und in Phasen der Mangelversorgung wieder bereitzustellen.

Fettzellen sind dein Freund und Helfer. Eigentlich.

Als langfristiger Speicher entwickelten sich die Fettzellen als ideale Begleiter in diesem Überlebenskampf. Hieraus kann also auch für den heutigen Menschen abgeleitet werden:

Adipozyten „wachsen“ nur, wenn sie den Energieinput in Körperfett umwandeln und die Energie auf diesem Weg speichern. Demgegenüber steht die falsche Annahme, dass Fettzellen bei Lipödem insoweit entartet, sprich von der Norm abweichend, sind, dass sie sich ohne Zutun vergrößern.

Die Grundgesetze der Thermodynamik widerlegen:

Das in den Adipozyten angelegte Fett ist ein hochenergetischer Speicherstoff. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt hierzu: Energie kann weder »erschaffen« noch »zerstört« werden. Energie wird lediglich umgewandelt. Von einer Energieform in eine andere. Von der Nahrung in die Fettdepots.

In Bezug auf die Volumenvergrößerung von Adipozyten kann Progredienz also nur über eine entartete Gewichtszunahme definiert werden. Abweichend von der Norm hin zur Adipositas, dem krankhaften Übergewicht. Die derzeit definierten Stadien der Erkrankung Lipödem sind somit keine adäquate Definition der Krankheit sowie deren Progredienz. Aufgrund dieser wissenschaftlichen Faktenlage kann man also festlegen, dass Lipödem nicht progredient ist.

Wie komme ich nun aber dennoch zu der Annahme, dass die Krankheit Lipödem fortschreitend ist bzw. sein könnte?

Hierfür müssen wir uns andere Symptome der Erkrankung anschauen. Eines der überzeugendsten Symptome sind hierbei die Schmerzen, welche nach bisheriger Studienlage eine wirkliche, fortschreitende Entwicklung vorzuweisen haben.

Wodurch diese im Einzelnen ausgelöst werden, kann bisher niemand genau sagen. Hierzu fehlt noch entscheidende Ursachenforschung. Eine mögliche Ursache scheinen jedoch sogenannte Adipokine, spezielle von Adipozyten produzierte Botenstoffen, zu sein. Bei starker Gewichtszunahme sind diese mitunter nachweislich durch ihre entzündungsfördernden Eigenschaften maßgeblich an der Entstehung von Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ II, Arteriosklerose und Bluthochdruck verantwortlich.

Halten wir an dieser Stelle noch einmal fest:

Bei Gewichtszunahme schütten Adipozyten also vermehrt entzündungsfördernde Botenstoffe aus. Bei Gewichtsabnahme bzw. beim Gewichthalten werden hingegen vermehrt Adipokine produziert, welche eine entzündungshemmende Wirkung aufweisen.

Wir sollten also – Bezug nehmend auf die Thematik der Volumenvergrößerung – davon ausgehen, dass ein nach aktueller Definition stabiles Stadium der Erkrankung Lipödem, auch stabil in Bezug auf andere Symptome bleibt. Diese Beobachtung lässt sich jedoch nicht machen.

Die Vermutung liegt also nahe, dass die entarteten Adipozyten bei Lipödem insoweit von der Norm abweichen, dass sie keine bzw. eine verringerte Kontrolle über die Ausschüttung von Adipokinen haben, welche im direkt umliegenden Gewebe (Haut, Bindegewebe, Faszien, Blut- und Lymphgefäße) einwirken und Entzündungen begünstigen. Derartige Vermutungen müssen jedoch noch anhand wissenschaftlicher Erforschung überprüft werden.

Progredienz – Anhand des aktuellen Kenntnisstands können wir aber festhalten:

  1. Eine Progredienz des Lipödems kann nicht über eine Volumenvergrößerung mit einhergehender Gewebeveränderung definiert werden.
  2. Die bisher als Progredienz definierte Volumenvergrößerung kann nicht auf die Erkrankung Lipödem zurückgeführt werden, sondern auf eine allgemeine Gewichtszunahme.
  3. Die Erkrankung Lipödem benötigt weitere Forschungsarbeit unter Beteiligung von Biologen und Histologen.
  4. Die Definition der Erkrankung Lipödem bedarf einer dringenden Überarbeitung, welche die Stadien der Erkrankung neu formuliert und aktuelle Kenntnisse zur Krankheit selbst sowie der Therapie vollständig umfasst.

Bildquelle: pa / OKAPIA/Gladden W. Willis

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Author: Anna Clemens

Ich bin Anna. 1990 geboren und wohnhaft in Darmstadt. Mit 11 Jahren habe ich ein ausgeprägtes Lymphödem entwickelt, dessen Ursache viele Jahre verborgen blieb. Während einer Reha in der Földiklinik 2011 wurde ich das erste mal mit dem Begriff "Lipödem" konfrontiert, die bestätigende Diagnose folgte jedoch tatsächlich erst Anfang 2017. Im Leben werden wir immer wieder vor Herausforderungen gestellt und es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Die Herausforderung "Lipödem" hat mir einen Anreiz geboten, mein theoretisch im Studium erworbenes Wissen einzusetzen und für mich Lösungen zum Umgang mit der Erkrankung zu finden. Eine der wichtigsten Lösungen wurde für mich die Bewegung. Ein Ausdruck von Freiheit, den ich ebenso mit anderen Betroffenen teilen möchte sowie mein Wissen darüber, wie Bewegung das Leben mit Lipödem physisch und psychisch verbessern kann. An dieser Stelle freue ich mich, mein Engagement "Lipödemkämpferinnen" weiter auszubauen und ein paar Artikel in die wachsenden Lipödem-Community zu streuen.

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  • Die eigene Meinung/Schlussfolgerungen der Autorin werden nicht als diese gekennzeichnet. Es wird davon gesprochen, dass die Annahmen wissenschaftlich fundiert seien, ohne dass wissenschaftliche Quellen genannt werden. Ich finde, wenn man sich schon in ein solches sehr wissenschaftliches Feld begibt und eigene Thesen aufstellt, dürfen Quellenverweise und klare Abgrenzung von Thesen, Forschungsergebnisen und Schlussfolgerungen sowie der persönlichen Meinung nicht fehlen. Mir persönlich fällt es schwer genau diese Dinge in dem Artikel abzugrenzen. Das ist schade, denn dadurch fällt es schwer über das Thema zu diskutieren und ich weiß persönlich nicht was ich davon als gegeben in mein Wissen aufnehmen darf und was nur Theorie ist und somit Gedankenanstoß.