Die Schattenseite der Liposuktion bei Lipödem – Wovon kaum jemand spricht

Die Liposuktion bei Lipödem ist derzeit in aller Munde. Gesundheitsminister Spahn, der GBA und diverse Instanzen des Netzwerkes arbeiten daran, die operativen Maßnahmen zur Kassenleistung zu machen. Es ist wichtig, hier endlich eine faire Grundlage für die Liposuktion als gleichwertige Säule der Lipödem-Therapie zu etablieren. Jedoch lässt mich der Eindruck nicht los, dass diese Eingriffe zu unkritisch beäugt und auch romantisiert werden. Denn schließlich handelt es sich hier um mehrmalige massive Eingriffe, die nicht nur physische Risiken mit sich bringen.

Die Euphorie

Lipödempatientinnen können sich glücklich schätzen, dass es die Liposuktion als Symptombehandlung gib. Für Lymphpatienten wird zwar in der Mikrochirurgie nach operativen Möglichkeiten geforscht, jedoch bieten die Ergebnisse aktuell noch keinen Grund zur Euphorie.

Euphorie ist genau das richtige Stichwort. Seit einigen Jahren ist die Lipödem-Community sehr stark auf die operative Maßnahme und Hoffnung auf Beschwerdefreiheit geeicht. Operateure und ihre Ergebnisse werden verglichen, Kosten erstritten oder vom Munde abgespart und nicht selten alles an körperlichem und psychischem Wohlbefinden davon abhängig gemacht.

Nun stell dir einmal vor: Du bist operiert, hast all das investiert und stellst fest, dass du danach nicht beschwerdefrei geworden bist. Willkommen in meinem Leben.

Behalte einen kühlen Kopf

Ich bin oftmals sehr vorsichtig mit meiner Meinungsäußerung. Das Leid vieler unserer Mitkämpferinnen ist groß und dies lässt sie vehement an diesem unanfechtbaren Lichtblick festhalten.

„Dünnere Arme und Beine, Entlastung, weniger Schmerzen, keine therapeutischen Maßnahmen mehr nötig.“

Das propagieren die praktizierenden Chirurgen und sprechen zum Teil sogar fahrlässiger Weise von Heilung. Es werden manchmal Zahlen aus der eigenen Praxis vorgelegt, die eine traumhafte Erfolgsquote versprechen. Mit jedem Argument für die Liposuktionen steigen und steigen die Erwartungen an den persönlichen OP-Erfolg und mit ihr auch die Fallhöhe, sollte das Ergebnis ihnen nicht entsprechen.

Spielst du mit dem Gedanken, dich operieren zu lassen? Dann möchte ich dir einen wertvollen und reflektierten Ratschlag mit auf den Weg geben:
Gehe so skeptisch und nüchtern an diese Sache heran, wie es dir nur möglich ist. Wäge genau ab, ob du Gefahr läufst, alles auf eine Karte zu setzst und dich zu sehr auf die Liposuktion zu verlässt. Denn am Ende sind es auch nur Operationen, denen wie jeder andere Eingriff auch, nur mit vorsichtigem Optimismus entgegengetreten werden sollte.

Nicht immer läuft alles nach Plan

Meine Liposuktionen ließ ich 2015 vornehmen. Ich war zu dem Zeitpunkt 26 Jahre alt und in der für mein Leben bedrohlichsten Sackgasse. Obwohl ich optisch keine dramatischen Ausmaße vorweisen konnte, wurden die Schmerzen immer stärker. Bis zuletzt verringerte sich die Zeit, in der ich angewinkelt in Bahn oder Auto sitzen konnte, nur noch auf eine dreiviertel Stunde. Mit dieser Reiseunfähigkeit wuchsen in mir die Zukunftsängste und so entschied ich, mir durch die Liposuktionen Erleichterung, vielleicht sogar Beschwerdefreiheit zu verschaffen. An dieser Stelle muss ich meinem Operateur dankbar sein, mich so ehrlich aufgeklärt zu haben. Denn nicht immer läuft alles nach Plan.

Wie du vielleicht schon bemerkt hast, ich hatte kein Glück. Nach einem knappen Jahr nahm ich die konservative Therapie wieder auf. Es geht mir bis heute deutlich besser als vor den Liposuktionen. Dennoch muss ich schmerzbedingt täglich auf meine Kompression zurückgreifen.

Der psychische Druck wird unterschätzt

Was die Hoffnungen, die Strapazen der Operationen und der Heilungsphase, die finanzielle Belastung und das letztendlich völlig individuelle Ergebnis mit unserem Kopf machen, wird in meinen Augen selten im Detail beleuchtet.

Wenn die Liposuktion bei Lipödem nicht so verläuft, wie man sich das gewünscht hat, steht man vor einer großen psychischen Herausforderung. Die Enttäuschung ist groß, man stellt alles in Frage und steht vom Empfinden her wieder ganz am Anfang. Nur mit deutlich weniger Nerven und Kraft. Unterschätze nicht die Belastung vor, während und nach den Operationen.

Daher: Je tiefer die Erwartungen, desto niedriger der Fall in die Realität.

Wenn ich mal wieder einen schlechten Tag habe, die Schmerzen in mir hochkochen und mein Optimismus einen harten Kampf mit der Frustration führt, muss mein Mantra greifen:
„Ich habe Lipödem, das Lipödem hat nicht mich.“

Russisch Roulette

Wenn ich auf Kongressen und Veranstaltungen die Vorträge der Ärzte höre, schnappe ich hier und da mal Zahlen auf. Wenn eine Erfolgsquote von 30 oder 40% fällt, wird mir manchmal ganz anders. Natürlich gibt es die verschiedensten Statistiken, je nach Arzt oder Studie. Aber wenn wir sie einmal skeptisch und nüchtern (wir erinnern uns an den verdammt guten Tipp von vorhin) betrachten möchten, dann wollen wir doch eigentlich nicht blind allen Zahlen derer glauben, die damit am Ende auch Geld verdienen. Das würden wir in den seltensten Fällen in anderen Branchen tun, warum dann hier von der unerschütterlichen Hoffnung blenden lassen?

Die Chance auf Beschwerdefreiheit gibt es und wir dürfen uns regelmäßig von ihr in Foren und Selbsthilfegruppen überzeugen. Nur würde ich mir wünschen, dass alle anderen Stimmen über Komplikationen, Risiken, Spätfolgen oder durchwachsenen Ergebnissen ebenso laut wären, wie die, die stolz von einem neuen Leben berichten.

Verstehe mich nicht falsch, die Liposuktionen sind eine wichtige und notwendige operative Maßnahme und zum Glück haben wir diese Möglichkeit. Ich bin froh, bisher den Zustand vor den OPs nicht wieder erreicht zu haben. Dennoch liegt es mir am Herzen, all denen, die nicht zu den Beschwerdefreien gehören oder Komplikationen erfahren haben, zu signalisieren, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind.

Der Austausch und vor allem die Aufklärung sind in beiden Richtungen von höchster Wichtigkeit. Sowohl für die Licht- als auch für die Schattenseite der Liposuktion bei Lipödem.


Dieser Artikel erschien im Patientenmagazin „Lympholife“ Ausgabe 38 des Lymphologicum e.V.

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Author: Caroline Sprott

Ich bin Caroline, 1989 geboren und wohne im Mittelhessischen Wetzlar. Warum habe ich den Lipödem Mode-Blog ins Leben gerufen? Am Anfang meiner Diagnose stand ich völlig hilflos vor einer ungewissen Zukunft. Jetzt, einige Jahre später, habe ich durch die aktive Anteilnahme in Selbsthilfegruppen und viel Recherche einen Erfahrungsschatz ansammelt, den ich gerne an einem Ort gebündelt anderen Betroffenen zugänglich machen möchte – ohne den Umweg über private Gruppen bei Facebook. Die modische Komponente ist natürlich meinem Hobby geschuldet. Ich versprach mir damals selbst, mich niemals von der Kompressionsbestrumpfung einschränken zu lassen. Diese Einstellung macht anderen Patientinnen Mut und so riet mir Michaela dazu, einen Blog ins Leben zu rufen.

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  • DANKE!!
    Auch ich bin operiert und nicht alles ist so Super wie es versprochen wurde im Vorfeld. Das zu akzeptieren hat eine Weile gedauert. Denn auch ich habe viele und Vorallem ausschließlich positive Berichte und Ergebnisse von „geheilten“ gelesen und Bilder dazu gesehen. Schön das es dann jemanden gibt der den Mut hat auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten.
    Danke!

    • Hallo Kerstin,

      es ist unheimlich wichtig, differenziert und neutral über die Liposuktion zu berichten, damit auch eine vernünftige Entscheidung für dich selbst treffen kann. Schön, dass du das auch so siehst. 🙂

      Alles Gute
      Caroline

  • “ Ich versprach mir damals selbst, mich niemals von der Kompressionsbestrumpfung einschränken zu lassen.“ So ein Quatsch… natürlich schränkt einen so etwas ein. Ich bin eine Betroffene und habe schon diverse Kompressionen ausprobiert. Ich bin mit den meisten Sachen einfach im Alltag nicht klar gekommen und sie haben mich derart eingeschränkt, daß es mir sogar leid wurde, mit dem Hund Gassi zu gehen. Man kann ja nicht dauernd stehen bleiben, sich halb ausziehen und die Strümpfe u.s.w. sortieren.
    Also, nach all den Tests bleiben mir lediglich die Kniestrümpfe einer italienischen Firma in denen ich meinen Alltag in einer, für mich adäquaten, Art und Weise gestalten kann, übrig. Mehr nicht. Damit lebe ich jetzt und mit dem Glück, daß meine Schmerzen meistens gerade noch erträglich sind.

  • Hallo Caroline,
    Ich habe vor mich, sofern finanziell möglich, operieren zu lassen.
    Ich sehe es so wie Du sagst. Es muss nicht alles glatt laufen. Es sind schließlich mehrere größere Eingriffe die der Körper erstmal verarbeiten muss. Ich find es gut das Du offen über die Schattenseiten sprichst und darüber berichtest das es auch schief gehen kann. Klar muss das nicht immer zutreffen aber es gehört nun mal dazu.

    Vielen lieben Dank für deine Aufklärungsarbeit.
    Ganz liebe Grüße

  • Hallo Caroline!
    Auch wenn ich immer wieder „Jubelmeldungen“ aus dem Kreise der Operierten vernehme, gibt es für mich doch eine Hemmschwelle. Wie Du richtig schreibst, sind es immer noch Operationen, die nicht spurlos an einem Menschen vorüber gehen. Ein Risiko, wenn auch ein kalkulierbares, ist immer damit verbunden.
    Mein behandelnder Arzt rät mir von einer Liposuktion, wie von einer intensiven Diät ab. Er setzt auf konservative Therapie und Bewegung. Bisher komme ich damit gut klar.
    Mich stören die Stimmen aus dem Off, in deren Augen ich mit meinen „dicken Beinen“ anscheinend eine optische Zumutung bin und die mich unbedingt operiert sehen wollen. Du siehst, es gibt nicht nur Menschen, die sich aus eigenem Antrieb einer Liposuktion unterziehen wollen, sondern auch die, die gerne mal in die Nummer reingequatscht werden.
    Mein Leidensdruck ist (noch) nicht so groß, dass ich das Risiko einer oder mehrerer OPs auf mich nehmen möchte. Vielleicht ändert sich das noch, aber das glaube ich zur Zeit nicht.
    Vielleicht rührt meine Meinung auch daher, dass ich mit meinen 50 Jahren, nicht mehr über jedes Stöckchen springe, das man mir hin hält. Ich sehe die Sache etwas differenzierter, auch wenn mich manche Bemerkungen hinsichtlich meiner Beine oder der getragenen Kompressionsbestrumpfung, verletzen.
    Ich habe großen Respekt vor allen Lip- und/oder Lymphödem-Patientinnen, die ihren Weg gefunden und hinter ihren Entscheidungen stehen, egal, wie diese aussehen mögen.
    Alle Betroffenen, die sich auf unabhängigen Plattformen, wie dieser engagieren, sollten unterstützt werden. Wo gibt es sonst im Netz, Informationen, die nicht gewerblich gesteuert werden?
    Bitte macht weiter so! Wir brauchen Euch und Eure Infos!

    Viele Grüße von
    Tanja