Psychotherapie bei Lipödem – Ein positives Mindset als Teil der Therapie

Als ich meine Beindiagnose bekam, wusste ich damals nicht, was auf mich zukommen würde. Die Aufklärung über Ödemkrankheiten war noch nicht so weit, wie sie heute ist und Google hat nur die absoluten medizinischen Basics ergeben. Aber das hat mich nicht aufhalten können, alles über Lipödem, Lymphödem, Phlebödem und alles drum herum lernen zu wollen – mühsam Stück für Stück zusammen gepuzzelt.

Sport, eine große Abnahme und komplette Therapietreue sollte zwar dem gesunden Teil meines Körpers guttun, jedoch verlor ich den Kampf gegen das Fortschreiten des Lipödems und konnte die beginnenden Schmerzen in meinen Armen nicht mehr weiter ignorieren.

Diese Anstrengungen aufzubringen bedarf viel Kraft und irgendwie blieb mir keine Energie mehr für die Verarbeitung dieses Rückschlages übrig. Ich fiel in ein Loch.

Heulkrämpfe brachen aus mir heraus, diese gewaltige Frustration machte mir das Herz schwer und ich wusste, ich steuerte auf eine Depression zu.

 

Alleine kam ich nicht mehr da raus

Es war nicht so, dass ich allein mit dem Ganzen war. Meine Freunde, die Familie, alle haben sich verständnisvoll gezeigt, nahmen Rücksicht und stärkten mir den Rücken, wann immer ich nicht mehr meine Haltung bewahren konnte. Dennoch wusste ich, ich musste mir Hilfe von außen suchen. Jemand, der die Situation nüchterner sieht als alle, die emotional involviert waren. Eine Psychotherapie musste her. Denn würde ich erst in eine Depression fallen, koste mich das mehr Kraft da raus zu kommen, als jetzt meine Restenergie zusammenzukratzen und das Schlimmste zu verhindern.

Wie komme ich an eine Psychotherapie bei Lipödem?

Telefoniert die Therapeuten ab, die sich in euren Augen eignen könnten und macht Termine für die Erst- und Beratungsgespräche aus (probatorische Sitzungen, i. d. R. bis zu drei Stunden vor Antragstellung).

Diese ersten unverbindlichen Gesprächstermine sind dafür da, miteinander zu eruieren, ob ihr euch wohl und vor allem verstanden fühlt. Denn nichts ist wichtiger für den Therapieverlauf, als eine gesunde Basis mit eurem Therapeuten. Denkt daran, dass ihr im Falle einer Kurzzeittherapie mind. 25 Stunden auf einer sehr emotionalen Ebene verbringt. Da muss man sich zwangsläufig gut aufgehoben fühlen.

Nachdem die Termine alle wahrgenommen wurden, könnt ihr gemeinsam mit dem Therapeuten euch beratschlagen, ob eine weitere Behandlung beantragt werden soll. Wenn ihr wieder so fest auf beiden Beinen steht, dass ihr von da an alleine zurechtkommt, ist sie erst einmal beendet. Ihr könnt euch jedoch auch um entscheiden, solltet ihr euch geirrt haben.

Wie sieht eine Psychotherapie aus?

Im Grunde ist es wahrscheinlich genau das, was man sich darunter vorstellt. Ihr sitzt zusammen mit eurem Psychotherapeuten und für gewöhnlich stellt er euch Fragen, die ihr dann beantwortet und ihr euch so in die Tiefe arbeitet. Manchmal passieren auch Sachen, die ihr direkt am Anfang ansprechen möchtet und dann werden diese als Priorität behandelt. Es kann und darf und soll auch dazu kommen, dass sich so manche Knoten lösen und Themen angesprochen werden, die euch Tränen entlocken und glaubt mir, das ist völlig normal und gut so. Wenn es euch nicht seelisch aufwühlen würde, säßet ihr nicht in diesem Sessel.

lipoedem mode psychotherapie bei lipödem

Was hat die Therapie mit mir gemacht?

Ich kam als Nervenbündel in diese Praxis. Der besagte Heulkrampf kam mir praktisch bei der ersten Frage, „Weshalb sind Sie hier?“. Und die folgenden Wochen sahen noch nicht sehr anders aus, aber ich bemerkte eine Veränderung. Eine Schlichtung in meinem Kopf und Ballast, den ich mit jedem Mal abbauen konnte. Es ist nicht leicht zu beschreiben, aber ich versuche es einmal für euch.

Ich bekam eine nüchterne Perspektive auf meine emotionalen Sackgassen.

Als wenn man vor lauter Tränen in den Augen und Belastung zu blind war, um die Tür zu sehen, die einen eigentlich aus dieser Sackgasse geführt hätte. Ich habe so manche falschen Ansichten, seelische und körperliche Schmerzen und Zukunftsängste loslassen können. Diese neuen Perspektiven gaben mir den Abstand, mit dem ich all diese Sorgen betrachten, für mich erklären und verarbeiten konnte – und das ist heilsam.

Natürlich besprecht ihr wahrscheinlich auch andere Themen, die nichts mit eurer Krankheit zu tun hat. In meinem Fall waren es zum Beispiel familiäre Dynamiken.

Psychotherapie bei Lipödem – Was waren diese neuen Perspektiven?

  • Denk dich nicht in andere Köpfe hinein.
    Es hilft überhaupt nichts, es hat noch nie etwas geholfen und es schafft eigentlich nur Verunsicherungen.
  • Du bist nicht der Nabel der Welt.
    Und das ist nicht böse gemeint, sondern einfach Fakt. Man fällt Leuten viel weniger auf, als man denkt. Als ich noch mein Höchstgewicht hatte, dachte ich zum Beispiel, dass man mich als „die Dicke“ als erstes im Raum wahrnehmen würde. Und das ist schlichtweg falsch. Genauso falsch, wie dass der Pickel im Gesicht oder dein Bad Hair Day jemandem direkt auffällt.
  • Lipödem ist nicht alles.
    Das ist ein wenig schwierig, in kurzen Sätzen zu erklären. Es geht darum, dass Lipödem nicht alles ist, worum sich deine Gedanken drehen dürfen, weil sie einfach keine positive Wendung nehmen werden. Du verlierst dich in einer negativen Gedankenspirale, aus der du sicherlich nicht glücklich herauskommst. So funktioniert bei mir zum Beispiel auch die Mode. Ich fülle mich lieber mit guten Gefühlen, als mich mit Ängsten zu füttern.
  • Schmerzen kann man lernen.
    Die Schmerzen sind auch ein Faktor, die dich eigentlich nur mehr Nerven kosten, als dass dir jemals etwas Gutes zurückgeben könnten. Also verschwende nicht all deine Aufmerksamkeit an sie. Das ist leicht gesagt, aber ich tu es und es hilft mir. Ich registriere und spüre sie natürlich genau so stark, wie sie sich zeigen. Aber ich versuche ihnen keine Bühne zu geben. Sie existieren, aber ich guck nicht hin. Ich hoffe, ihr versteht was ich meine. Je mehr Aufmerksamkeit ihr ihnen schenkt, desto mehr nehmen sie die Gewalt über eure „Gedankenfarbe“ ein. Und das gilt es so gut wie es nur geht zu verhindern.
  • Lass negative Quellen los.
    Es gibt Menschen im Leben, die einem mehr Energie rauben, als sie zurückgeben. Findet diese Quellen und, so hart es klingt, lasst sie los. Verbringt nicht mehr Zeit mit ihnen, als nötig und widmet euch mehr den Personen in eurem Leben, die euch mit einem glücklichen Gefühl füllen. Ich habe eine solche Entscheidung auch hinter mir und weiß, wie schwer sie ist. Aber ich kann euch nur bestärken, dass der lange Effekt sich lohnt.

Das Leben lohnt sich, immer.

Egal, wie aussichtslos sich deine Situation anfühlt, wie machtlos du dieser oder jeder anderen Herausforderung gegenüberstehst – das Leben lohnt sich immer. Und wenn du deinen Selbstwert noch nicht bewusst wahrnehmen konntest, schau einmal in die Runde deiner Mitmenschen und vielleicht bemerkst du dann, was du anderen bedeutest. Dass du und deine Lebensfreude in ihrem Leben auch eine Rolle spielen und niemand seine Liebe an deiner Figur, deiner Krankheit oder deinen schwachen Momenten ausmachen würde.

Trau dich, suche dir Hilfe, wenn du allein nicht mehr weiterweißt und kämpfe. Vielleicht könnte die Psychotherapie bei Lipödem dir dabei helfen.
Denk daran, du bist nie allein!

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Author: Caroline Sprott

Ich bin Caroline, 1989 geboren und wohne im Mittelhessischen Wetzlar. Warum habe ich den Lipödem Mode-Blog ins Leben gerufen? Am Anfang meiner Diagnose stand ich völlig hilflos vor einer ungewissen Zukunft. Jetzt, einige Jahre später, habe ich durch die aktive Anteilnahme in Selbsthilfegruppen und viel Recherche einen Erfahrungsschatz ansammelt, den ich gerne an einem Ort gebündelt anderen Betroffenen zugänglich machen möchte – ohne den Umweg über private Gruppen bei Facebook. Die modische Komponente ist natürlich meinem Hobby geschuldet. Ich versprach mir damals selbst, mich niemals von der Kompressionsbestrumpfung einschränken zu lassen. Diese Einstellung macht anderen Patientinnen Mut und so riet mir Michaela dazu, einen Blog ins Leben zu rufen.

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  • Danke,liebe Cstoline gür deinen ehrlichen Bericht der in vielem mir aus dem Herzen doricht und dervmich sshr berührt hat Ich bi junge 50 und habe vor 6 Jahren die ersten Beschwerden bekommen.Mittlerweile komme ich mit sllem gut klar und hatte om Frührshr meinecetdte erfolgreiche Rehabehandlung in der Oldenburger Lymphklinik .Ich wünsche dir weiterhin Alles Gute und freue mich sehr über weitere Artikel von Dir
    LG Deine Sigrid aus NRW