Kompression – wie ich Lipödem Outfits modisch kombiniere

Die heutigen Kompressionen sind modern und haben mit Omas steifen Gummistrümpfen nichts gemeinsam.

Ich erhielt meine Diagnose letztes Jahr im November und ahnte bereits was auf mich zukommt, da ich mich schon länger mit der Thematik auseinander gesetzt habe. So war es keine große Überraschung, als ich das Rezept für die erste Kompressionsstrumpfhose in den Fingern hielt.

Die heutigen Kompressionen haben glücklicherweise mit der Vorstellung von Omas steifen Gummistrümpfen nichts mehr gemeinsam. Sie sind neutral oder farbig, modern, haben Muster oder Applikationen und können sogar die Grundlage für jedes junge, frische Outfit bilden. Theoretisch ein guter Ansatz, um sich weiterhin modisch frei zu entfalten. Das wollte ich auch unbedingt allen beweisen, die vorher mich geneckt hatten, dass ich nun zukünftig Omas Gummistrümpfe trage und die Zeit der modischen Entfaltung damit wohl vorbei sei.

Ich wagte den Schritt raus aus meiner persönlichen Komfortzone und entdeckte eine neue modische Welt. Was hatte ich schon zu verlieren?

lipödem mode simone schäfer plus size outfit juzo

Es gibt allerdings eine Regel, die es zu beachten gibt.

Ich war schon immer eher bunt und leicht extrovertiert gekleidet. Bei meiner Kompression sollte es genau so weitergehen. Direkt beim Ausmessen fragte ich nach den aktuellen Trendfarben und entschied mich für ein helles blau mit grauen Unterton.

Blau passt eigentlich zu allem und integriert sich perfekt in jedes Outfit.

Die Herausforderung begann erst, als ich meine Kompressionsstrumpfhose dann auch wirklich in den Händen hielt. Der Stoff meiner Lieblingshose drehte sich unschön um mein Bein und die Tunika lud sich durch das Polyester statisch auf.

Beim durchforsten des Kleiderschranks fanden sich noch diverse Röcke und ein paar Kleider. Auf einen Versuch kommt es an. Was hatte ich schon zu verlieren?

Außerdem wollte ich doch meine Kompression zeigen. Ich wagte den Schritt raus aus meiner persönlichen Komfortzone, denn Kleider und Röcke trug ich zu dem Zeitpunkt eher selten. Ich liebte es meine Kurven in Hosenkombination zu betonen und fühlte mich damit sehr sicher. Doch meine Experimentierfreude war geweckt, schließlich eröffnete sich hier gerade eine ganz neue, unbekannte modische Welt. Zwar hatte ich schon von Kind an eine Affinität zu Mode und Trends, jedoch konnte ich mich mit diesem durchaus femininen modischen Bereich noch nicht vollends identifizieren.

Eine Regel stand allerdings fest – nämlich die, dass es in der Mode keine Regeln gibt!

Ich ganz alleine entscheide, was ich trage. Durch Mode transportiert man auch durchaus ein Gefühl, mit dem man seine Persönlichkeit unterstreicht. So entwickelt sich der ganz persönliche Style. Streifen mit Punkten, Pink mit Rot, Bauchfrei oder ausgestellt, kurz oder lang. Ein geht nicht, gibt es nicht. Nur einer setzt die Grenze und bestimmt, worin man sich gut fühlt. Nämlich man selber. Der Gang wird aufrechter, man wird kommunikativer und das Selbstvertrauen wächst. Jede Frau, egal mit welcher Konfektion kann das tragen, was immer sie möchte. Der modischen Vielfalt ist mit Kompression und Kurven keine Grenze gesetzt.

Wichtig ist sich frei zu machen. Mode soll schließlich Spaß machen.

Die Kompression ist meine Basis und gehört zu mir. Es gibt keine Problemzonen, sondern nur wunderschöne Kurven, die an den richtigen Stellen Aufmerksamkeit brauchen

Als Basis diente mir anfangs neben meiner Kompressionsstrumpfhose, die je öfter ich sie trug, immer mehr zu mir gehörte, einen jeansfarbender Rock und ein neutrales oder gemustertes Shirt. Beides aus Baumwolle, Modal oder Viskose, so dass sich nichts aufladen konnte. Die meisten meiner Shirts haben einen V-Ausschnitt oder eine angedeutete Knopfleiste, damit mein Hals etwas gestreckt wird und der Blick nicht als erstes auf meinem Doppelkinn liegt, sondern etwas weiter unten auf dem Brustbein. Dadurch fühle ich mich auch direkt sinnlicher. Carré- oder U-Boot Ausschnitte erfüllen den gleichen Zweck und können zusätzlich noch die Schultern in Szene setzen.

Das Shirt ließ ich beim Rock anfangs raus hängen. Bei Hosen hatte ich es zuvor immer seitlich etwas rein gestopft, um die Hüften zu kaschieren. Diese Lösung sah beim Rock durch die fehlende Streckung nach unten nicht vorteilhaft aus. Zwar bedeckte ich dadurch meine breiteren Hüften und meinen Po, jedoch sah ich auch von oben bis unten wie ein Kasten aus. Also probierte ich es einfach aus und steckte das Shirt in den Rock, um eine Silhouette zu schaffen. Die ersten Male zog ich noch eine Strickjacke oder einen Blazer darüber, welche mir Sicherheit verschafften. Diese lasse ich mittlerweile weg.

Ich rede nicht mehr von Problemzonen, sondern wunderschöne Kurven, die an den richtigen Stellen betont werden sollen. Das ganze ist vergleichbar mit dem Konturieren des Gesichtes mit Make Up. Nur, dass ich dieses mit Kompressionsstrumpfhosen und Kleidung, anstatt mit Pinsel machte. Noch schnell ein paar passende Accessoires in einer Kontrastfarbe und fertig war mein erstes Outfit, in dem ich mich auch in Kompressionen wohl fühlte und vor allem jung und modern wirkte.

Die Farbe meiner Kompressionen spiegeln sich meistens in den Mustern meiner Kleider wieder und lassen das Outfit harmonisch wirken.

Farbige Kompression lässt sich perfekt kombinieren

Beflügelt von den ersten zarten Versuchen, wählte ich auch die nächsten Kompressionen in Farbe. Magenta, Violett, Rot und Grau zogen ein. Mehr als drei Farben trage ich in einem Outfit möglichst nicht oder bleibe innerhalb einer Farbfamilie mit leichten abweichenden Nuancen. Die Farbe meiner Kompressionen spiegeln sich meistens in den Mustern meiner Kleider wieder. So trage ich zum Beispiel auf die blaue Kompression, gerne eine Kleid in einer kontrastreichen Grundfarbe, welches allerdings blau im Muster hat. Dazu passen die magenta- oder blaufarbenden Armstrümpfe. Generell ist so der Kombination mit Farben keine Grenzen gesetzt. Selbst knallige Farben wie Magenta integrieren sich perfekt in das persönliche Wohlfühloutfit, so lange es sich in einem Farbtupfer an der Kleidung wieder findet oder im direkten Kontrast steht. Die grauen, neutralen Kompressionen lassen sich ideal zu knalligen Farben kombinieren oder verschwinden nahezu in Ton in Ton Kombinationen.

Ich trage was mir gefällt und meine Kompression ist nicht nur Hilfsmittel, sondern mein persönliches Modeaccessoire

Ich bin der klassische A-Linien Typ Frau, lasse mich aber ungern in diese Schublade stecken, da ich generell trage, was mir gefällt. Einige Kleider hängen dadurch bei mir unschön fallend von den Schultern und lassen mich breit wirken. Mit Hilfe eines Gürtels bringe ich jedes Kleid auf Figur. Dazu kann ich mit der Höhe noch variieren und mir direkt etwas mehr Oberweite schummeln. Funktioniert auch in Kombination mit Rock und Body wunderbar. Richtig gelesen, ich trage Bodies. Und das auch noch leidenschaftlich gerne, denn nichts verrutscht unschön. Da ich den Rock einen kleinen ticken oberhalb der Taille trage hat mein Bauch genug platz sich auszubreiten, ohne direkt in den Fokus zu rücken.

Meine Kompression trage ich nicht nur als Hilfsmittel, welche mir den Alltag erheblich erleichtert, sondern ich habe sie zu meinem persönlichen Modeaccessoire werden lassen. Sie ist ein Teil von mir, formt mich und hat meinen Kleidungsstil erneut verändert. Sie hat mich meine Weiblichkeit entdecken lassen und ich gehe noch selbstbewusster mit meinen Kurven um. Sicherlich hat am Anfang keiner daran gedacht, dass man aus der Diagnose, dem Schock, dass man täglich auf eine Kompression angewiesen ist, etwas positives entsteht.

lipödem mode simone schäfer plus size outfit juzo
Lipödem Mode Simone Schäfer Autorin

Author: Simone Schäfer

Hallo Ihr Lieben. Ich heiße Simone und bin 1981 geboren. Mit meinem Mann, meiner Tochter und unserem Hund lebe ich in der wunderschönen Eifel. Nachdem ich im September 2019 das Glück hatte auf einem Lip-/Lymphsymposium die Models im Auftrag für meinen damaligen Arbeitgeber auszustatten, bin ich das erste Mal mit der Krankheit konfrontiert worden und habe mich direkt wiedererkannt. Meine Diagnose bekam ich dann im November 2019. Mode ist für mich schon immer eine Art gewesen, seine Persönlichkeit zu unterstreichen. Ich möchte zeigen und dazu motivieren, dass auch mit Kurven jenseits der gängigen Konfektionsgrößen der modischen Vielfalt nichts im Weg steht und die Kompression dabei einen sogar als modisches Highlight unterstützt.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  • Hi. Ich habe gerade deine Fotos bewundert. Ich würde mich auch gerne so selbstbewusst kleiden wie du. Hast du mal darüber nachgedacht, Frauen wie mich zu beraten oder mit ihnen shoppen zu gehen? Ich bin Mitglied einer Selbsthilfegruppen. Da gibt es bestimmt den ein oder anderen, der auch Tips braucht. Nächste Woche haben wir ein professionelles Fotoshooting geplant. Um uns selber zu motivieren und zu zeigen das wir trotzdem schön sind. Ich habe mir ein Kleid gekauft, obwohl ich sonst nie Kleider trage. Obwohl es ja Mega bequem ist, traue ich mich es nicht.
    Vielleicht magst du mir ja zurück schreiben. Lieben Gruss Katja

    • Hallo liebe Katja, vielen Dank für dein tolles Feedback.
      In der Tat hatte ich auch schon den Gedanken zukünftig Frauen beim Shoppen unabhängig zu begleiten und typgerecht zu unterstützen. Da muss ich mir noch weitere Gedanken zu machen.

      Kleider sind gerade bei den derzeitigen Temperaturen sehr angenehm. Trag worin Du Dich wohlfühlst. Gerade in der Shg ist man mit seinen Gefühlen nicht alleine und alle sitzen im gleichen Boot. Das Shooting ist eine tolle Gelegenheit, um sich an etwas unbekanntes zu wagen und raus aus der Komfortzone das erste Mal ein Kleid zu tragen. Bei kälteren Temperaturen kann auch eine Strickjacke oder Bolero Sicherheit geben.
      Ich freue mich, wenn Du uns an Deinem Outfit teilhaben lässt und bin sicher Du wirst strahlen.

      Liebe Grüße
      Simone

    • Hallo Christine.

      Es freut mich, dass Dir der Artikel gefällt und Du Dich darin wiedererkennst.

      Hab noch eine schöne Woche.

      Liebe Grüße

      Simone